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Der Verein:
IG Klettern
Gefördert von

Kooperation IG Klettern München und Südbayern e.V. mit der Landeshauptstadt München
Der Betreiber:
Heavens Gate GmbH
Helden der Halle / 3
Die blinde Judith
Als sich die IG Klettern vor gut 2 Jahrzehnten zu formieren begann, da war die Judith genau 20 – und bereits total erblindet. Als Teenager hatte die heut Vierzigjährige wenigstens noch eine Sehleistung von knapp 2%, was das Erkennenkönnen von hell/dunkel-Kontrasten bedeutete, die Grob-Unterscheidung von Farben möglich machte; sowie das Lesen von Riesen-Schlagzeilen, wenn sie die Zeitung gaaaaaaaaaaaaanz nah vor die Augen hielt.

Die Judith kam 1969 als Frühgeburt zur Welt, was sie wohl das Sehen kostete. Sie wuchs zunächst in Nürnberg auf, siedelte nach Heidelberg über, wo sie eine Ausbildung zur Programmiererin machte; und zog 1992 dann nach München weiter, wo sie seitdem bei einer Softwarefirma festangestellt ist – und als IT Senior Consultant einen Fulltime-Job hat.

Kletterhalle Heavens Gate - Die blinde Judith
Judith Faltl, macht selbst dem Nikolaus was vor.

Zum Klettern fand sie vor vielen Jahren über ein von der „Ur-IG“ inszeniertes Schnupperklettern, in Neubiberg, an der Wand der Bundeswehr-Hochschule. Im Dunstkreis dieser damals schwer angesagten Kletter-Location machte die Judith dann auch bald die Bekanntschaft mit ein paar echten Vollgas-Johnnys – allen voran Andrea Ebert, Jörg Raschig, Robert Kluge und Markus Steinke –, die die Judith regelmäßig zum Klettern mitnahmen. Erstmal nach Neubiberg immer. Dann immer öfter auch zum Sport Scheck, wo man, dank guter Verbindungen, abends, nach Geschäftsschluss, an diese „sensationell steile“ Kletterwand durfte, die sich heute ja dort immer noch neben dem Aufzug bis in den 5. Stock hoch extrem speckig aufbaut. Allein diese Wand hat die Judith mindestens 40 x (im Toprope) bestiegen.

Im Kreise dieser Jungen Wilden erlebte sie 1998 dann auch die offizielle IG-Gründung mit, jene wüste Phase also, als Europas höchste Kletterhalle in spe noch ein verlassenes Knödelwerk war, in das nun diese Wilden eindrangen, um mit Schneidbrennern und Blechscheren erst mal die massiven Lagerbehälter (für die Kartoffelstärke) auszubauen, die damals ja noch alle Silos verstopften. Und: Was machte die Judith in dieser Zeit? Schmierte oft 50-60 Semmeln zur Brotzeit; und buck Kuchen für die Truppe! Typisch: Wann immer „echte“ Not am Mann war, und/oder wir Sehenden mit einem Problem ganz deutlich überfordert schienen, sprang die Judith helfend ein: Zum Beispiel als blinde(!) Protokollführerin bei unseren Mitgliedsversammlungen. Oder: Als Chefin von der “Dunkelbar“, in der sie uns dann Caipis hinschüttelt, bis einem jeden die Lichter ausgehen...

Kletterhalle Heavens Gate - Die blinde Judith
Eine, die sich nie abseilt, wenn´s irgendwas zu tun gibt!

Tja, sag, wie ist das eigentlich so: Wenn man Lust auf´s Heavens Gate hat, in Unterhaching wohnt – und 0% sieht? „Überhaupt kein Problem“, meint die Judith, „den Weg kriegst du ja beigebracht.“ Beim sogenannten Mobilitätstraining nämlich, das Blinde von der Krankenkasse bekommen, wenn sie aus ihrer vertrauten Umgebung in eine fremde Welt umziehen. Von Heidelberg nach Unterhaching z.B.: Dann werden als erstes „Wege“ geübt – gemeinsam mit einem Trainer natürlich, den dir der BBSB (Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund) vermittelt. Dabei gehts vor allem darum, sich einen akustischen Eindruck von der neuen Umgebung zu machen, um nicht zu sagen: eine wegspezifische Geräuschabfolge zu erlernen, an der sich Blinde mit ihrem Gehör dann orientieren. (Auf die Frage übrigens, wie Blinde denn eigentlich träumen: In Bildern? Und wenn ja – welchen? Sagt die Judith: „Nicht optisch. Oder szenisch. Sondern in Tönen. In Hörbildern sozusagen. Also in Soundtracks“. )

Kletterhalle Heavens Gate - Die blinde Judith
Die Welt ist eine Scheibe. Wie eine Schallplatte.

Den Weg von Unterhaching bis in die Halle also hatte die Judith spätestens intus, seit sie sich überreden ließ, als erste blinde Frau in Deutschland die Ausbildung zum Fachübungsleiter-Indoorklettern zu machen, die sie ohne Probleme bestand! Seitdem hat sie 2 Kurse für Blinde gegeben. Und geht selbst weiterhin regelmäßig zum Klettern. Drinnen oder draußen – völlig egal! In der Halle schafft sie Routen bis zum V. Grad im Vorstieg. Und Sichern tut sie in jedem Fall besser, als 85% unserer sehenden Gäste. Ein kurzer Blick in ihr Tourenbuch bestätigt ihr Können:

Kletterhalle Heavens Gate - Die blinde Judith
Augen zu – und durch.

  • Watzmann/Kleine Ostwand (Wiederband)
  • Pordoi-Joch/Maria-Kante
  • Kampenwand/Fönfische und
  • Überschreitung (mit Teufelsturm)
  • Arco/Sonnenplatten auf 5
  • verschiedenen Routen
  • Schobergrat (Wolfgangsee)
  • Großglockner
  • Dachstein (Normalweg)
  • Wildspitze
  • Hochkalter-Runde (in einem Tag)
  • Watzmann-Überschreitung (dito)
  • (...und immer so weiter – in diesem Kaliber!)

2005 dann hat sie ein neues alpinistisches Ziel angepackt. Mit ihrem Lebensgefährten Klaus Rösler ist sie die ersten Skitouren gegangen – und bis heute sind die beiden neben Klettern und Bergsteigen gern mit Tourenskiern unterwegs.  

In all den Jahren hat sie´s bis heute, so schätz die Judith, „vielleicht 10–20x voll ins Seil reingelassen“. Selbstverständlich hat sie Sturz-Angst, so wie jede(r) von uns auch. Die Schlüsselstellen ihres Leben sind dagegen andere: Z.B. mit sich allein, in einer unbekannten Straße, eine bestimmte Hausnummer finden müssen – und es regnet so heftig, dass sie nicht mal das Klappern ihres Stocks hören kann...

Daher freut sie sich auch immer, wenn sie von Leuten angesprochen wird, die ihr ihre Hilfe anbieten. Und sie hasst es wie die Pest, wenn sie mit jemand Sehendem unterwegs ist – und dann zuhören darf, wie eine dritte Person ihre Begleitung über sie ausfragt: „Kann die alleine denn den Achter?“ Als ob sie so Fragen nicht selbst beantworten könnte!

Kletterhalle Heavens Gate - Die blinde Judith
Typisch Judith: Macht dir auch den Prusik blind.

Hier tät uns Aufklärung oft gut. Nicht nur, dass „normale Blinde“ meist äußerst helle Köpfe sind, mit extrem sensiblen Sinnen. Sondern vor allem, was für ein Geschenk es doch ist, die kleinen und die großen Wunder dieser wunderschönen Welt mit zwei gesunden Augen sehen zu können. Und wer klärt uns darin auf? Die Blinden natürlich: Ziehen unermüdlich durch die Schulen, speziell wenn „Das Auge“ auf dem Lehrplan steht – und sprechen vor Ort dann mit den Kindern. So lernte die Judith in den letzten 10 Jahren die Gerüche von mindestens 400 verschiedenen Klassenzimmern kennen, in denen sie ihre Vorträge hielt. Dieser vorbildliche Einsatz führte schließlich dazu, dass sie 2003 zur 1.Vorsitzenden des Bayerischen Blinden- und Sehbehinderten Bundes gewählt wurde - und damit quasi Chefin ist von derzeit genau 181 festangestellten Mitarbeitern! Plus 420 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Mit einem eigenen Sozialdienst. Einem Gästehaus. Und einem Heim zur Altenpflege. Und, fast nicht zu glauben: Das macht sie ALLES ehrenamtlich – neben ihrem Fulltime-Job!

Deswegen sieht man die Judith zur Zeit auch nur 1x pro Woche mit ihrem weißen Stock immer den gleichen Weg zum Kunstpark reinwedeln: Vorne, rechts am Pförtner vorbei, dann geradeaus auf eine Druckerei zu (, deren charakteristisches Rattern es zu Judiths akustischem Leidwesen schon lang nicht mehr gibt); kurzer links-rechts Schlenker, dann hört sie am Schall eine enge Passage; an deren Ende geht sie links, bis sie mit dem Stock im Boden Schienen ertastet, die sie wiederum zu einem Pfosten mit einer Kette hinführen; da drüber und links, bis zu einem Zaun; am Zaun entlang zur Eingangstür: Aufmachen – und dann eintreten in das, was die Judith als „Wohnzimmer für Kletterer“ wahrnimmt.

Was das für sie genau bedeutet? Was sie darin hört und fühlt?

Antwort/O-Ton Judith Faltl:

"Ein riesiger Raum mit einer natürlichen aber auch verrückten Atmosphäre, in der fast alles möglich ist."

Text: C1
Copyright auf alle Bilder: Ulli Dietrich

Originaladresse: http://2010.kletternmachtspass.de/arc/100330/
© IG Klettern München & Südbayern e.V. und Heavens Gate GmbH.
Letzte Änderung: 03.02.2012